Maxi: Der Partner will keinen Sex mehr – wann muss man sich ernsthaft Gedanken machen?
Leipold: Sobald Sex gar kein Thema mehr ist und auch kleine Gesten aus dem Alltag verschwinden. Man sich etwa nicht mehr richtig küsst. Und man nicht einmal mehr im Urlaub, wenn beide entspannt sind, zwischen den Laken verschwindet. Nach spätestens einem Jahr ohne Sex und offensichtliche Gründe dafür, z.B. eine schwere Krankheit, wird sich in der Regel ohne therapeutische Hilfe nichts ändern.
Oft heißt es, Stress im Job sei der Grund. Was ist da dran?
Stress kann das Sexleben kurzzeitig lahm legen, aber nicht dauerhaft. Das passiert eher, wenn der Mann das Gefühl hat, er muss immer den ersten Schritt machen. Oder dass seine Freundin beim Sex nicht einfühlsam genug ist. Manche Frauen reagieren ziemlich unsensibel, wenn ihnen etwas nicht gefällt, sagen Dinge wie „Mach das mal lieber so!“ – und verunsichern den Mann damit. Vor allem, wenn die Frau sowieso in einer stärkeren Position ist, etwa, weil sie mehr Geld verdient, souveräner auftritt oder aus einem besseren Elternhaus stammt. Wird das in der Beziehung durch nichts ausgeglichen, kann darunter das Sexleben leiden.
Heißt das etwa, es liegt an der Frau?
Natürlich hat es meist mit beiden zu tun. Als Frau hat man aber eher in der Hand, dass es im Bett wieder besser läuft. Indem man versucht, mit dem Mann darüber zu reden, was los ist. Weigert er sich strikt, das Problem anzugehen, muss man damit rechnen, dass seine Liebe zu einem nichts mehr mit Mann-Frau Liebe zu tun hat - was heißt, dass man sich irgendwann trennen muss.
Kann so eine Beziehung nicht trotzdem glücklich sein?
Nicht auf Dauer. Selbstbefriedigung mag für eine gewisse Zeit helfen. Doch sie ist kein Ersatz. So wie die Liebe vertrocknet, wenn das Paar kaum miteinander redet, dörrt sie auch aus, wenn sexuell nichts mehr läuft. Und man wird anfällig für Versuchungen von außen.
Kann man Sex verlernen? Sprich: Je weniger Sex man hat, desto weniger Lust hat man?
Ja, bei wenig Sex wird es schon immer mühsamer, sich dazu noch aufzuraffen. Und der Sex, der noch hin und wieder stattfindet, ist oft wenig befriedigend. Was wiederum nicht gerade motiviert, es wieder zu versuchen. Schließlich kommt das Sexleben völlig zum Erliegen. Ein Teufelskreis.
Gilt das denn auch umgekehrt?
Im Prinzip schon. Sexualität ist Kommunikation auf der körperlichen Ebene. Sie entwickelt sich und wird hemmungsloser, je mehr man davon in einer Beziehung auslebt.
Wie bringt man die Sache denn in Fahrt?
Klischee-Versuche wie Dessous oder Sex-Toys setzen eher noch mehr unter Druck. Als Erstes muss man sich mehr Zeit füreinander zu nehmen. Mal Hand in Hand spazierengehen, einen Sonntagmorgen gemeinsam im Bett zu verbringen. Das sind auch gute Gelegenheiten, um in Ruhe über Wünsche, Gefühle und Enttäuschungen zu reden. In der Therapie frage ich Paare oft: „Was glauben Sie, worauf hat der andere Lust?“ Das wirkt enorm. Damit der Sex lebendig bleibt, muss man auch was wagen. Gut ist alles, was aus dem Rahmen fällt, wie ein nächtliches Picknick. Wer still hält um der Harmonie willen, kann sicher sein: Das ist der zuverlässigste Sex-Killer überhaupt.
Wieso?
Lust aufeinander hat man nur in einer lebendigen Beziehung, in der man sich auch aneinander reibt. Passiert das kaum noch, kann man davon ausgehen, dass sich einer zu Gunsten der Partnerschaft verbiegt und seine Bedürfnisse und Ansichten auf den anderen zuschneidet. Auf Dauer wird so eine Beziehung fade, weil derjenige, der sich zurücknimmt, farblos wird. Und einfach nicht mehr sexy ist.
Routine ist gefährlich fürs Sexleben?
Ganz ehrlich: Routine ist das Ende der Sexualität. Sex ist ja ein fester Teil des Beziehungsgeflechts. Ist im Alltag jeder Tag wie der andere, gilt das irgendwann auch fürs Schlafzimmer. Liebe braucht Spontanität.