Paartherapie ist für immer mehr Deutsche eine Chance, ihre Beziehung zu retten. BUNTE erklärt, wie man den richtigen Coach findet.
Sie küssten und sie zankten sich: Simone Thomalla und Rudi Assauer, jahrelang ein schillerndes Promi-Paar. Dann das handgreifliche Finale auf Sylt: Schluss mit Liebe. Klar, wenn Frau und Mann sich zusammentun, geht es nicht 24 Stunden am Tag zu wie in einem kitschigen Hollywood-Streifen. Irgendwann heißt es: adieu Honeymoon, hallo Alltag. Und bei sehr vielen Paaren gibt's irgendwann Beleidigungen statt Bettgeflüster, Türknallen statt Herzklopfen, Tränen statt Turteln. Schlimmstenfalls schmeißt eine(r) das Handtuch: mehr als jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden.
So weit muss es nicht kommen. Vielen kann Paartherapie Hilfe bieten - und immer mehr Deutsche schlagen diesen Weg ein. Paarcoachings und Eheberatungsstellen haben Hochkonjunktur. "Es ist zwar unromantisch, aber wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass in einer Partnerschaft alles wie von selbst gut läuft. Es ist wie bei einem Auto: Wird es nicht aufgetankt, bleibt es irgendwann auf der Strecke liegen", sagt die Münchner Ehe- und Sexualberaterin Gabriele Leipold.
Voraussetzung: Beide Partner müssen es wollen. Realität: Meist sind es die Frauen, die Hilfe bei einem Experten suchen. Um den Mann auch von der Notwendigkeit zu überzeugen, ist es wichtig, auf alle Schuldzuweisungen zu verzichten. Außerdem muss man ihm klarmachen, dass man selbst nicht sicher ist, ob man nicht manches falsch interpretiert. "Bringen Sie Verständnis auf. Geben Sie ihm Zeit. Signalisieren Sie, dass Sie so nicht weiterleben wollen", rät Leipold. "Es lohnt, die Perspektive des anderen einzunehmen. Welches Argument könnte ihn motivieren, mitzugehen? Etwa: Schatz, so bringen wir unsere Sexualität wieder in Schwung."
Manchmal hilft es auch schon, wenn Frauen das Problem sportlich angehen: Nicht einen "Therapeuten" oder "Psychologen" fragt man um Rat; besser trainiert man bei einem "Schiedsrichter" oder "Coach" die Spielregeln des Zusammenlebens. Damit man wieder in der Champions League der Liebe mitspielen kann. Und Leipold ermutigt dazu: "Schwierigkeiten gibt es ja in jeder Partnerschaft. Wir sollten unsere Schamgefühle ablegen und uns trauen Hilfe anzunehmen."
Beim ersten Treffen sollte dann geklärt werden: Was erhoffen sich beide von der Therapie? Wollen sie wieder zusammenfinden? Oder denkt einer bereits an Trennung? Ist das Therapieziel festgelegt, werden Gewohnheiten und Probleme unter die Lupe genommen, oft per Fragebogen. Ganz oben auf der Hitliste für Klage-Orgien: sexuelle Lustlosigkeit. Auch Fremdgehen zählt zu den häufigsten Ursachen von Partnerschaftskrisen. Andere Gründe sind: Kommunikationsprobleme, chronischer Streit, Veränderungen nach der Geburt der Kinder, mangelndes Engagement des Mannes für Beziehung und Familie - zumindest aus der Sicht der Frau.
Die meisten Partner sind überzeugt, der andere sei schuld, wenn es nicht mehr läuft. Oft sitzen sie vor dem Therapeuten und listen penibel auf, was der andere falsch macht. "Die Haltung: "Wenn du anders wärst, gäbe es keine Probleme", bringt Paare natürlich nicht weiter", sagt Dr. Wolfgang Schmidbauer. Der Psychoanalytiker ist einer der bekanntesten Paartherapeuten Deutschlands und befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Krisen in Partnerschaften. "Für den Erfolg einer Paartherapie ist die Bereitschaft nötig, über sich selbst nachzudenken und zu akzeptieren, dass ein Teil der Probleme an einem selbst liegt."
Sich von alten Denkmustern zu verabschieden, fällt vielen schwer, aber es ist unabdingbar, damit sich beide wieder in der Beziehung wohlfühlen können. Je nach Art der Therapie trainiert das Paar Formen der partnerschaftlichen Kommunikation - will heißen: Mann und Frau lernen, wieder miteinander zu sprechen. Was banal klingt, ist aber oft die größte Hürde auf den Weg zu einem Happy End. Die Paare lernen, dem anderen zuzuhören, sein Verhalten zu verstehen, Bedürfnisse zu erkennen, Rückmeldung zu geben. Geschult wird auch die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten, Ärger adäquat auszudrücken sowie Wünsche, Ängste und Enttäuschungen offen anzusprechen.
Im Normalfall umfasst eine Paartherapie zwischen zehn und 15 Sitzungen. Danach läuft es bei einem Drittel der Paare wieder richtig gut. Bei einem weiteren Drittel wirkt die therapeutische Intervention nur kurzfristig: Spätestens nach sechs Monaten fallen viele Paare in alte Verhaltensmuster zurück. Die Quoten wären besser, würden diese Paare frühzeitig Hilfe suchen. Im Schnitt dauert es sechs Jahre, bis sich ein Paar zur Therapie durchringt.
SOS beim Seitensprung. Geht einer der Partner fremd, ist das allerdings ein besonderer Härtefall. "Mit den herkömmlichen Methoden der Paartherapie kommt man hier meist nicht weiter", erklärt Dr. Christoph Kröger von der TU Braunschweig. Die von ihm angewandte Therapie für Paare nach einer Affäre fußt auf Erkenntnissen der Traumaforschung (www.tu-braunschweig.de). "Betrogene sind schließlich traumatisiert. Ihre Symptomatik ist ähnlich wie bei Personen, die einen schweren Autounfall erlebt haben", erklärt Kröger.
In der ersten Phase des Coachings geht es um Schadensbegrenzung. Das Paar vereinbart Regeln, um sich gegenseitig nicht weiter zu verletzen, etwa ein Codewort, wenn ein Konflikt zu eskalieren droht. Phase zwei: ein Brief an den Partner. Kröger: "In Ruhe Worte für seine Gefühle zu finden hilft, das Geschehene zu verarbeiten." Danach versuchen beide, jene Schwachstellen herauszufinden, die den Seitensprung überhaupt ermöglicht haben. Will das Paar weiter zusammenbleiben, folgt die dritte Phase: verzeihen. "Das Zusammenleben kann nach einer derart starken Kränkung nur funktionieren, wenn der Betrogene bereit ist zu vergeben", erklärt der Experte.
Manchmal allerdings nützt kein Kommunikationstraining und auch keine Traumatherapie. "Aus und vorbei" heißt es bei einem Drittel aller Paare, die sich von der Therapie Hilfe erhofft hatten. Aus Expertensicht ist auch eine konstruktive Trennung ein Erfolg - wenn beide Partner erkennen, dass es ihnen ohne einander besser geht. Sylvie-Sophie Schindler