Untreue

06.10.2016

Ein Fall für die Paartherapie

Gerhard wachte mit Herzklopfen aus einem Albtraum auf. Inzwischen wiederholte sich das fast wöchentlich. Diesmal befand er sich in einem langen Gang einer ihm etwas vertrauten Wohnung. Das Licht war gedämpft und er hörte vom Ende des Ganges her Geräusche – genauer gesagt ein rhythmisches Stöhnen. Früher, zu ihren guten Paarzeiten, hatte seine Frau Lisa beim Sex mit ihm noch ähnlich geklungen. Gerhard konnte nicht anders als sich immer weiter auf die Tür, aus der dieses Stöhnen drang, hinzubewegen. Je näher er dieser Tür kam, desto mehr veränderte sich die Tonlage. Anfangs klang sie noch etwas ruhiger, jetzt hörte sie sich hektisch an, so als ob es auf das Ende zuging und es war neben dem Stöhnen der Frau auch noch ein männliches lautes Atmen zu hören. Gerhard wunderte sich über sich selbst, aber er konnte nicht anders, er musste diese Tür öffnen. Er drückte die Klinke ganz langsam herunter und sah einen leicht abgedunkelten Raum mit einem großen Bett vor sich. In diesem Bett vergnügten sich ein ihm nicht ganz unbekannter Mann und eine Frau, die seiner Frau unglaublich ähnlich sah. Das Paar nahm keine Notiz von ihm und das obwohl Gerhard zu schreien glaubte.

 

Als er völlig wach wurde, nahm er Lisa friedlich schlafend neben sich wahr. Er konnte es kaum fassen, dass er ständig unter solchen Albträumen litt, und sie so zufrieden schlief. Er glaubte nicht an Träume, aber wenn er die letzten Wochen Revue passieren ließ, dann kam ihm doch so Einiges merkwürdig vor. Die ansonsten eher ausgeglichene Lisa wirkte auf einmal überdreht und sprühte nur so vor Energie. Sie sah plötzlich so jugendlich aus mit ihrer neuen Frisur und dem veränderten Kleidungsstil. Sie traf sich oft mit ihrer besten Freundin Moni um die in ihrem Liebeskummer zu trösten und abzulenken. Moni rief auch häufig an und Lisa verließ dann immer mit dem Handy das Zimmer, weil es Moni sonst peinlich war, wenn er von ihrer Niederlage zu viel mitbekam. Er verstand nur nicht, warum Lisa so fröhlich wirkte, obwohl sie sich ständig mit Monis Kummer beschäftigte.

 

Gerhard konnte auf einmal nicht anders, er musste es tun. Er schämte sich zwar unendlich dafür, aber sein Drang war größer. In Lisas Büro fand er ihr Handy. Es lag ausgeschaltet auf dem Schreibtisch, aber er kannte ihre PIN. Sie hatte sie nicht einmal geändert. Gerhard hatte plötzlich eine Eingebung und klickte bei WhatsApp „Moni“ an. Das Profilbild zeigte eine rote Rose. Er zitterte am ganzen Leib, als er die letzten Nachrichten von „Moni“ überflog. So nah hatte er sich noch nie einer Ohnmacht gefühlt. Der Tod wäre barmherziger gewesen. Mit letzter Kraft schickte er den ganzen Nachrichtenverlauf auf sein eigenes Handy und schleppte sich aus dem Zimmer. Er ließ sich im Wohnzimmer auf das Sofa fallen und schluchzte jämmerlich. Womit hatte er das verdient? Jeder lobte ihn doch dafür wie weit er es beruflich gebracht hatte und wie gut er seine Familie finanziell versorgte. Seine Frau und die beiden wunderbaren Kinder genossen die ganzen durch ihn hart erarbeiteten Privilegien. Sie lebten in einem tollen Haus, fuhren gute Autos, verbrachten fantastische Urlaube miteinander, hatten einen großen Freundeskreis und er dachte bis eben, dass sie sich auch immer noch liebten.

 

Was könnte Lisa also gefehlt haben? Er vermisste nichts, na ja, in den letzten Wochen eigentlich den Sex. Weiter kam er nicht. Plötzlich stand Lisa vor ihm. Sie begriff in Sekundenbruchteilen was geschehen war, als sie ihn im völlig aufgelösten Zustand vorfand. Gerhard kämpfte mit sich, ob er Lisa festhalten oder wegstoßen sollte. Sie war nicht mehr wirklich seine Frau. Er konnte sie nicht einmal ansehen, so enttäuscht und angewidert war er von ihr. Diese Texte mit dem anderen Mann würde er niemals vergessen und dazu kam noch das Gefühl sie für immer verloren zu haben.

Die Fortsetzung folgt in Kürze.

 

So oder ähnlich läuft es bei den betroffenen Paaren ab, bevor sie sich in äußerster Not zur Paartherapie oder auch Sexualtherapie anmelden. Der Betrogene spürt oft schon von Anfang der Außenbeziehung an, dass sich etwas in der Partnerschaft verändert hat. Er oder Sie träumt sogar davon. (Die Geschlechterverteilung bei Seitensprüngen ist seit Jahren ausgewogen.) Sobald er nachfragt, empört sich der Partner, oder beschwichtigt den Betrogenen. Der möchte das gerne glauben, weil er ja ansonsten Konsequenzen ziehen müsste. Das geht eine Weile so weiter, bis die Hinweise sich verdichten und eigene Nachforschungen unumgänglich werden lassen. Sobald sich der Verdacht erhärtet, bricht für den Betrogenen eine Welt zusammen und er muss manchmal, je nach eigener Stabilität und sozialem Umfeld, sogar in die Psychiatrie eingewiesen werden. Kann sich der untreue Partner nicht gleich zwischen dem Lebensgefährten und der Außenbeziehung entscheiden, beginnt ein kräftezehrendes Hin- und Her, das alle Beteiligten verzweifeln lässt. Die Aufgabe des Paartherapeuten ist hier nicht die Schuldzuweisung, sondern er muss den Boden dafür schaffen, dass diese schwere Krise in Ruhe bearbeitet werden kann. Zu schnelle Entscheidungen werden nämlich ständig wieder revidiert.

Dazu in Kürze mehr.