Sandwich-Frau liebt großen Bruder...

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Gabriele Leipold als Expertin in BRIGITTE Balance, Heft 5, Oktober 2010 im Artikel: „Sandwichfrau liebt großen Bruder..." zum Thema: wie Geschwisterkonstellationen unsere Liebe beeinflußen

Sandwich-Frau liebt großen Bruder ...

... und Nesthäckchen verknallt sich ins Einzelkind. Geschwister sind ein Trainingslager fürs Leben. Sie beeinflussen unsere Liebesbeziehungen mehr als wir denken.

Text: Laura Heueck

Manche Dinge ändern sich nie. Schon immer hat sich Claudia um ihre drei Jahre jüngere Schwester Nina gesorgt. Stets darauf bedacht, dass sie gut versorgt ist, immer darauf geachtet, dass Nina nichts vergisst. Den Turnbeutel, das Pausenbrot, den Haustürschlüssel. Noch heute ruft sie Nina an, um sie an wichtige Dinge zu erinnern. Mittlerweile ist Claudia mit Alex verheiratet. Und heute ist er es, dem sie Erinnerungszettel schreibt. »Ich kann einfach nicht anders«, sagt sie entschuldigend. Und Alex? Der steht drauf. Wie Claudias Schwester Nina ist nämlich auch er das Nesthäkchen in seiner Familie. Zufall?
Keine Frage: Geschwister prägen uns, begleiten uns von klein auf und machen uns mit zu dem, was wir heute sind. Sie sind es, die uns Fahrradfahren beibringen oder mit uns Englisch-Vokabeln lernen. Aber auch diejenigen, die uns die Lieblingsjeans klauen und uns in den Wahnsinn treiben können. »Die engsten und intimsten Beziehungen, die wir im Leben haben, sind die innerhalb unserer Familien«, sagt der amerikanische Psychologe Dr. Kevin Leman in seinem Buch »Geschwisterkonstellationen. Die Familie bestimmt Ihr Leben« (Mvg-Verlag).
Aber wie weit geht dieser Einfluss? Wenn die Geschwister neben unseren Eltern die ersten Bezugspersonen und Weggefährten sind, die wir im Leben haben, prägen sie dann auch noch die Beziehungen, die wir später eingehen werden? Mit Alex, dem Nesthäkchen, hat sich Claudia zumindest ein Beziehungsmuster gesucht, das sie schon von ihrer kleinen Schwester ein Leben lang kannte. Suchen wir uns unbewusst gerade das aus, was wir kennen? Und ist das auch, was uns guttut? Oder direkter gefragt: Sind es unsere Geschwister und die Positionen, die sie innerhalb der Familie besetzen, die uns auf die Liebe vorbereiten? In der Familienpsychologie gibt es die Theorie, dass die Geschwisterfolge Aufschluss darüber geben kann, mit welchem Partner wir später glücklich werden. »Erstgeborene suchen sich oft ein Nesthäkchen als Partner, weil sie diese Rollenverteilung schon gewohnt sind«, erklärt zum Beispiel die Münchner Paartherapeutin Gabriele Leipold.
Anders ausgedrückt: Suchen wir uns einen Mann, der aus derselben Geschwisterposition stammt wie wir, kann es eher knarren im Beziehungsgebälk, als wenn unser Liebster genau die Position besetzt, die damals die große Schwester oder der kleine Bruder innehatten. Bleiben wir bei dieser Annahme, so gibt es in dieser Theorie unter den vielen möglichen Konstellationen einige, die perfekt für uns gemacht scheinen - und andere, die es weniger sind.

DAS GEHT GUT

Erstgeborenes und Nesthäkchen: Freunde fürs Leben?

Für Gabriele Leipold ist dies die Vorbildbeziehung schlechthin. Die Erstgeborenen bringen das Nesthäkchen zurück auf den Weg, wie damals die kleine Schwester oder den Bruder. Im Gegenzug lernen sie von den Letztgeborenen, die sich nie groß beweisen und seltener strenge Regeln befolgen mussten, Leichtigkeit und Unbekümmertheit. Kurz: Sie tun sich gegenseitig gut. Genau wie Claudia und Alex also. Er, der kleine Bruder, chaotisch und lebenslustig. Sie, die große Schwester, die früh gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen und nun den Weg für ihn absteckt. 

Mittlere Kinder: die idealen Partner?

Als Kristine Jan heiratete, war sie 26 Jahre alt - und damit die erste von drei Schwestern, die den Gang zum Traualtar wagte. Nicht ungewöhnlich für ein Mittelkind, wie Kristine es ist. Während die älteren und die jüngeren Geschwister im Fokus der elterlichen Aufmerksamkeit stehen, suchen die sogenannten »Sandwich-Kinder« oft außerhalb der Familie ihre Orientierung und ihr Glück, so beobachtet es der Psychologe Kevin Leman. Und sagt: »Sandwichkinder kamen zu spät auf die Welt, um die Privilegien und Aufmerksamkeiten zu genießen, die man Erstgeborenen in die Wiege legt. Und sie kamen zu früh auf die Welt, um sich >alles erlauben zu dürfen<, was den Nesthäkchen vorbehalten ist.« Doch das hat durchaus seine positiven Seiten: Es ist gerade diese Zwischenposition, die Sandwichkinder so flexibel und kompromissfähig macht. Ob mit einem Erstgeborenen, einem Nesthäkchen oder einem Einzelkind: »Mittlere Kinder sind in der Partnerwahl eigentlich nicht eingeschränkt«, erklärt Gabriele Leipold.

Einzelkinder: besser als ihr Ruf?

Was mussten slch Einzelkinder früher nicht alles anhören: Sie seien störrische, einsame Steppenwölfe, verzogen und beziehungsunfähig. Verschiedene Studien räumen jedoch nun mit diesen Vorurteilen auf und zeigen: Einzelkinder sind viel sozialer als ihr Ruf. Auch Gabriele Leipold rettet die Ehre der Geschwisterlosen: »Einzelkinder haben ihr Leben lang die uneingeschränkte Liebe der Eltern bekommen. Deshalb führen sie später auch oft glückliche Partnerschaften.« Zum Beispiel mit einem Erstgeborenen, der das mitunter etwas verwöhnte Einzelkind zur Räson bringt. Oder mit einem Nesthäkchen, das von dem früh erlernten Verantwortungsbewusstsein des Einzelkinds profitiert.

DAS WIRD SCHWIERIG

Nesthäkchen und Nesthäkchen

Nesthäkchen wurden nie »entthront«. Beide mussten nie erleben, was es heißt, wenn ein kleines Geschwisterchen hinzukommt und einen von seinem Sockel stürzt, auf dem man viele Monate allein stand. »Es gibt für Kinder ein paar traumatisierende Umstände im Leben«, sagt Leipold. »Der erste ist, wenn ein Geschwisterchen geboren wird.« Um diese Erfahrung ärmer, trage ein Nesthäkchen sein Leben lang ein großes Urvertrauen in sich.

Würden sich zwei Letztgeborene nun ineinander verlieben, könnten sie schnell um die gewohnte Aufmerksamkeit konkurrieren, die sie schon als Kind bekommen haben. Ohne dass jemand da ist, der sie zu mehr Zielstrebigkeit mahnt. Und das lässt auch die Schwierigkeiten erahnen, wenn es darum geht, gemeinsam den Alltag zu meistern und dabei ein gutes Gespür für die Realität zu entwickeln.

Erstgeborenes und Erstgeborenes

Er wird befördert. Doch statt ihrem Liebsten um den Hals zu fallen, gerät sie ins Grübeln. »Warum passiert mir das nicht?«, fragt sie sich. »Ich muss besser werden, mehr Einsatz zeigen.« Das ist übertrieben, sicher. Aber zwei Erstgeborene konkurrieren schnell um die Führungsrolle. Jeder möchte das letzte Wort haben, jeder den größten Erfolg verbuchen.

Einzelkinder und Einzelkinder

Auch zwei Einzelkinder können es nach diesem Prinzip schwer miteinander haben, weil sie aus derselben Geschwisterposition stammen. Doch wenn eine Beziehung zwischen einem Erstgeborenen und einem Nesthäkchen als vorbildlich gilt, dann könnte es doch vielleicht auch zwischen zwei Einzelkindern klappen? Zum Beispiel, wenn eins von beiden schon früh gelernt hat, auf eigenen Beinen zu stehen, während das andere mit viel Leichtigkeit durchs Leben geht. Doch was heißt das nun konkret? Müssen wir jeden potenziellen Traumprinzen beim ersten Date nach seiner Geschwisterposition befragen und dann: Hopp oder top?
Zum Glück nicht. Denn die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen wird natürlich nicht nur durch die Geschwisterposition bestimmt, sondern durch die gesamte Familiensituation. Aber eins ist klar: Unsere Geschwister lehren uns so oder so viele wichtige Dinge, die uns später in einer Beziehung nützlich sein können.  »Sie sind eine kleine Goldgrube«, sagt der Psychologe Oskar Holzberg.
Sie sind der Spiegel, den wir uns öfter vor die Seele halten sollten. Kommen wir gut mit ihnen aus, so können wir die Chance nutzen und mit ihnen gemeinsam einen Blick in unsere Vergangenheit werfen. Um zu verstehen, wer wir sind. Um zu schauen, ob wir uns in Konfliktsituationen mit unserem Partner so ähnlich verhalten wie damals mit unseren Geschwistern. Und um mit ihnen gemeinsam zu überlegen, wie wir aus dieser Situation wieder herauskommen können. Geschwister sind nämlich das perfekte Trainingslager: für die Liebe und das Leben. Wir sollten ihnen öfter mal zuhören, auch wenn sie manchmal nerven ...