Bei einigen Paaren, die sich bei mir zur Eheberatung einfinden, ist von weiblicher Seite her eine unterschwellige, anfangs schwer zuzuordnende Aggression gegenüber dem Mann spürbar. Bei der Abklärung des partnerschaftlichen Umfeldes kommen auch die Lebensverhältnisse zur Sprache. So mancher Mann erklärt dann, dass sie das eigene Haus (oder die Wohnung) bewohnen. Daraufhin ergänzt die Ehefrau: „wir bewohnen seine Immobilie“. Meistens reagiert er etwas irritiert und fragt, ob das denn überhaupt eine Rolle spiele, nachdem sie es doch gemeinsam bewohnen und die Kinder es sowieso erben werden. An dieser Stelle bricht es dann, für den Mann völlig überraschend, aus der Frau heraus, dass sie von seiner Gnade abhängig wäre, und bei einer Trennung mit den Kindern auf der Strasse säße und sich deshalb nur wie ein Gast in seinem Haus fühlen würde. Daraufhin versucht er sie damit zu beruhigen, dass erstens keine Scheidung im Raum stünde und zweitens er sie im Zweifelfall schon nicht hängen lassen würde.
Spätestens jetzt bricht die Frau in Tränen aus und / oder schreit ihn an, in welcher Abhängigkeit sie sich zu ihm befände und er sich doch einmal in ihre Lage versetzen solle. Auf meine Frage, inwieweit das bisher schon ein Thema gewesen wäre, antwortet meistens die Frau, dass ihr Mann derartige Gespräche meistens schon im Keim erstickt. Er wirft ein, dass er auf dieser aggressiven Basis nicht mit ihr reden könne und es deshalb immer vermeide. Außerdem fühle er sich ungerecht beschuldigt, da er doch der Hauptverdiener sei und seine Familie gut versorgen würde.
Die Bedeutung der Besitzverhältnisse in der Ehe werden oft unterschätzt und kommen demnach erst zur Sprache, wenn sich noch andere Schwierigkeiten zeigen. Der Partner, der nicht im Grundbuch der gemeinsam bewohnten Immobilie steht (meistens die Frau), hofft insgeheim, dass der Andere diesen Sachverhalt im Laufe der Ehe abändert. Das Stillschweigen der Frau wiederum führt beim Mann zu dem Eindruck, dass sie damit einverstanden ist. Für ihn anfangs unmerklich schwelt es in ihr und kommt für ihn völlig unerwartet zum Ausbruch.
Eine Ehe auf Augenhöhe erfordert weitestgehend ausgeglichene Vermögensverhältnisse und die Sicherheit des weniger besitzenden Partners, auch ohne den anderen ein normales Leben führen zu können. Jedes Ehepaar sollte vor der Heirat für den Notfall, also die Scheidung, so vorsorgen, dass keiner von Beiden dadurch finanziell ruiniert wäre. Das bedeutet nicht alles zu teilen, sondern bei großem materiellem Ungleichgewicht dem weniger Vermögenden etwas abzugeben. Dies darf nicht an Bedingungen geknüpft werden. Im Falle eines Hauses sollten entweder Beide im Grundbuch stehen, oder für den Anderen muss im finanziellen Rahmen ein Ausgleich dafür geschaffen werden. Hier ist die Kreativität des Paares gefragt.