Familiengeheimnisse

26.02.2012

Ein Leben in Ungewissheit oder Unwissenheit

Zeitweise gab es da so ein merkwürdiges Gefühl, das sie nicht zu deuten wusste. Auch Ungereimtheiten machten sie manchmal nachdenklich, doch sie schob sie immer wieder beiseite. Bis zu dem Tag, an dem ihr zufällig beim Aufräumen im Keller ihrer Eltern ein Foto ihrer Mutter mit einem ihr unbekannten Mann in die Hände fiel. Das Verblüffende daran war aber, dass es sich um ein Hochzeitsbild handelte! Es gab keinen Zweifel, der Mann war nicht ihr Vater, jedenfalls nicht Derjenige, den sie bisher dafür gehalten hatte.

Das Hochzeitsdatum auf der Rückseite des Fotos lag vor ihrer Zeit, aber nur einige Monate. Sie war schockiert. Jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: ihre Babyfotos waren alle ohne ihren Vater, eine Geburtsurkunde bekam sie bisher nicht zu sehen, ihre eigenen Ängste sich auf einen Partner einzulassen, ihr ständiges Gefühl angelogen zu werden, die sich wiederholenden Träume mit diesem unheimlichen Schatten. Sie hatte schon eine Therapeutin aufgesucht und die meinte, dass es Ungereimtheiten in ihrer Beziehung zu Männern gäbe, die sich nicht mit ihrem Vater erklären ließen.

Sie war jetzt Mitte zwanzig und hatte sich mit Symptomen herumgeschlagen, die ihr wahrscheinlich bei mehr Offenheit ihrer Eltern erspart geblieben wären. In ihre Wut mischten sich auch Fragen. Warum veranstaltete ihre Familie so ein Versteckspiel vor ihr? Es dauerte eine ganze Weile bis sie alles aus ihrer Mutter, dem Vater und den Großeltern herausbekam.  

Ihre Mutter war schon als junges Mädchen mit ihrem eigentlichen Vater zusammen und sie heirateten aus Liebe und auch weil sie bereits unterwegs war. Sie wurde geboren und sie waren eine glückliche Familie. Als sie ein halbes Jahr alt war, begann ihr Vater sich nach und nach zu verändern. Anfangs ging man noch von einer momentanen Krise aus, doch seine Symptome wurden immer unerträglicher für ihre Mutter.  

Nach eingehender Diagnostik stellte sich heraus, dass es sich um eine Psychose handelte. Ihre Mutter trennte sich von ihm und er zog zu seinen Eltern. Diese lasteten ihr an, ihren kranken Sohn fallengelassen zu haben. Die Ehe wurde annulliert. Kurz darauf lernte ihre Mutter ihren jetzigen Mann kennen, heirate ihn und er adoptierte sie mit knapp zwei Jahren. Der leibliche Vater aber beging nach einigen Jahren Suizid. Seine Eltern wollten mit ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben.  

Ihre Mutter litt einerseits unter enormen Schuldgefühlen wegen ihrer Trennung und andererseits an massiven Ängsten, dass ihre Tochter etwas von der psychischen Krankheit ihres Vaters geerbt haben könnte. Sie hoffte durch ihr Verschweigen sich und ihre Tochter davor zu schützen.  

Nun wäre ein kleines Kind mit der vollen Wahrheit natürlich völlig überfordert, deshalb bringt man Kindern eine schwierige Familiengeschichte schonend und altersgemäß nahe. Kinder spüren, wenn ihnen etwas Wichtiges verschwiegen wird, können es aber nicht richtig deuten und reagieren mit unterschiedlichsten Symptomen darauf. Familiengeheimnisse beeinträchtigen die Psyche eines Menschen wesentlich mehr als die noch so schockierende Realität.