Die Lebensbeichte

25.06.2017

Zumutung oder Segen für die Partnerschaft?

Eine Kollegin behauptete einmal: “Jeder hat seine schwarzen Schweine im Keller!“ Ich würde diesen Satz abschwächen. Bei manchen Menschen sind die Schweine weniger schwarz, und/oder nur in geringer Anzahl vorhanden. Jetzt stellt sich die Frage, ob der Partner diese kleinen oder größeren dunklen Seiten, Geheimnisse, Verfehlungen, Fantasien o.ä. unbedingt alle kennen sollte. Hier gehen die Meinungen sehr weit auseinander und das hängt mit dem persönlichen Schamgefühl und mit dem Grad der Abgrenzung vom Partner zusammen. Wie viel Eigenleben ist nötig und ab wann ist eine Offenlegung sinnvoll?

Ein Anmeldegrund zur Paartherapie


Ein häufiger Anmeldegrund zur Paartherapie ist, dass ein Partner mehr oder weniger zufällig das Geheimnis des Anderen aufdeckt und damit überhaupt nicht zurechtkommt. Das Bild vom Partners gerät ins Wanken und damit die ganze Beziehung. Der Grad der Verletzung ist erstaunlicherweise auch nicht geringer, wenn der Partner dem Anderen von sich aus plötzlich sein Geheimnis offenbart. So völlig unerwartet mit etwas vorher kaum Denkbarem konfrontiert zu werden, kann schon eine massive Krise auslösen.

Beispiele aus der Paartherapiepraxis


Beispiele für belastende Geheimnisse sind: finanzielle Alleingänge, eine geheime sexuelle Vorliebe, eine Außenbeziehung, sexuelle Untreue mit wechselnden Personen, das systematische Vorspielen des Orgasmus, übermäßiger Pornokonsum, das vermeintlich gemeinsame Kind ist von einem anderen Mann, ein heimliches Kind, eine aushäusige Verliebtheit, Essstörungen, eine geheime Krankheit, der Konsum oder die Abhängigkeit von Suchtmitteln, das Verschleiern der eigenen Herkunft usw. Die Beispiele zeigen schon, dass es sich hier überwiegend um gravierende Themen handelt, die dem Partner bisher verschwiegen wurden.

Der Vertrauensbruch und das Nicht-Wahrhaben


Alle Betroffenen, die plötzlich mit einem Geheimnis des Partners konfrontiert werden, klagen darüber, dass sie sich rückwirkend belogen fühlen und der Vertrauensbruch wesentlich schwerer wiegt, als das Thema selbst. An dieser Stelle fragt man sich, wie die Beziehung beschaffen gewesen sein musste, dass gravierende Themen einfach am Partner vorbei behandelt wurden. Warum merkte der Partner nichts davon? Wollte er es vielleicht auch gar nicht wahrhaben? War er so mit anderen Dingen beschäftigt und hatte deshalb keine Kapazitäten um irgendwelchen Ungereimtheiten nachzugehen?

Rechtfertigungen


Der Geheimnisträger selbst behauptet meistens, aus einem Zwang oder einer Notlage heraus gehandelt zu haben, oder weil er den Partner nicht belasten wollte, und manchmal auch, weil er sich vom Partner kein Verständnis oder Entgegenkommen versprach. Er (oder sie) unternahm in der Vergangenheit öfter einen Anlauf sich zu offenbaren, aber es kam immer wieder etwas dazwischen.

Der therapeutische Rat


Aus paartherapeutischer Sicht darf natürlich Jeder seine kleinen Geheimnisse haben, solange sie nicht die Partnerschaft belasten, oder gar in Frage stellen. Einschneidende Themen müssen jedoch besprochen werden und zwar falls möglich schon vor dem Beziehungsbeginn. Entstehen belastende Situationen erst während der Partnerschaft, dann sollte der Partner möglichst bald und vorsichtig herangeführt werden. Dies kann auch durch eine Paartherapie geschehen. Der geschützte Rahmen und die professionelle Vorgehensweise des Paartherapeuten ermöglicht dem Paar eine Aufarbeitung anstatt einem Verharren in gegenseitigen Schuldzuweisungen und Drohungen.