Der Satz: „Ich kann ohne meinen Partner nicht mehr leben“ sollte eigentlich immer kritisch unter die Lupe genommen werden. Vordergründig klingt er nach der großen Liebe. Oft verbirgt sich aber eine psychische Abhängigkeit dahinter.
Verlieben sich zwei Menschen ineinander, so idealisieren sie sich zunächst ohne zu realisieren was hinter diesem Gefühl wirklich steckt. Besonders wenn sie in ihrer Kindheit wenig Wärme und Stabilität erfahren haben, suchen sie nach einem Partner, die ihnen genau das zu geben scheint. Dieser stützt dann den Bedürftigen und vermittelt ihm dadurch das warme Nest, das er als Kind vermisste. Den scheinbar Stärkeren von Beiden stabilisiert die Bewunderung und das Gebraucht-Werden durch den Partner.
Das Gleichgewicht in dieser Paarbeziehung oder Ehe kann lange bestehen bleiben. Es wird erst dann brüchig, wenn sich einer von Beiden weiterentwickelt. Der scheinbar Bedürftigere braucht seinen Partner zur Stabilisierung seines gesamten Lebens, ähnlich wie ein Kind seine Mutter. Beim Verlust seines Lebensgefährten glaubt er nicht mehr weiterleben zu können. Der „Stärkere“ fühlt sich hauptsächlich durch die Bewunderung seines Partner wertvoll und meint ohne ihn seine Existenzberechtigung zu verlieren.
Auch veränderte Lebensumstände wie Kindererziehungszeiten, Arbeitslosigkeit oder längere Krankheit können einen bisher weitgehend stabilen Menschen in eine Abhängigkeit zu seinem Partner bringen. Diese plötzliche Bedürftigkeit seines Lebensgefährten irritiert den Anderen und lässt ihn auf Distanz gehen. Ein Teufelskreis beginnt: der sowieso schon geschwächte Partner klammert sich wie ein kleines Kind an den Anderen, wodurch dieser den Respekt vor ihm verliert und sich nur noch mehr zurückzieht.
In dieser äußersten Notsituation wenden sich Paare an eine Eheberatung oder Paartherapie. Der Therapeut ist zunächst ausschließlich mit Krisenintervention beschäftigt, zumal ein Partner meistens mit Suizid droht. Der geschwächte Lebensgefährte muss stabilisiert werden um den Druck vom Partner zu nehmen, damit dieser sich nicht noch mehr zurückzieht. Sobald sich die Paarsituation etwas stabilisiert hat, muss die Kindheit von Beiden bearbeitet werden um eine weitere Eltern-Übertragung auf den Partner zu verhindern. In schwerwiegenden Fällen sollte eine Psychotherapie oder eine Psychoanalyse für einen oder beide Partner in Erwägung gezogen werden.