Arbeitsteilung

17.06.2012

Gerechtigkeit ist relativ

Besonders in Stresszeiten kocht das alte Thema wieder hoch: Wer macht mehr für die Partnerschaft oder Familie? Derjenige, der den Hauptanteil des Lebensunterhaltes verdient, oder der, der die meiste Hausarbeit und gegebenenfalls noch die Kinderbetreuung erledigt? Bei manchen Paaren sind die Fronten so verhärtet, dass von gegenseitiger Wertschätzung überhaupt nicht mehr die Rede sein kann. Ganz im Gegenteil, jeder sieht nur noch seinen Beitrag und unterstellt dem Anderen sich ein schönes Leben auf seine Kosten zu machen.

Gerade die traditionelle Arbeitsteilung birgt am meisten Sprengstoff. Die Frau ist manchmal etwas neidisch auf seine Karriere. Er erfährt viel mehr Anerkennung, kann in Ruhe Mittag essen, verreist dienstlich an interessante Orte und erhält für all das auch noch viel Geld. Sie dagegen putzt, kocht, wäscht, schlichtet Kinderstreit, betreut Hausaufgaben, ärgert sich mit Lehrern, Erziehern oder Nachbarn herum, spielt Nachmittags Taxi für die Kleinen, hat nie Feierabend oder Urlaub und muss vielleicht sogar noch Rechenschaft darüber abgeben, wo das Geld geblieben ist. Statt eines Lobs erhält sie sogar noch Kritik für ihre Haushaltsplanung, die Kindererziehung und ihr Äußeres.

Der Mann dagegen beneidet sie um ihre freie Zeiteinteilung. Ihr Tag ist nicht so straff getaktet wie seiner, sie kann sich sogar mit Freundinnen zum Kaffeekränzchen treffen oder mit seinem mühsam verdienten Geld shoppen gehen. Seine Existenzängste kennt sie nicht, denn sie muss nicht täglich darum bangen, dass an ihrem Stuhl gesägt wird. Sie kann mit den Kindern spielen und erhält dadurch eine intensivere Bindung zu ihnen als er. Ihr Gejammer versteht er wirklich nicht, schließlich zahlt er ihr sogar eine Putzfrau. Bei der Vorstellung diesem Arbeitsdruck noch bis weit über das sechzigste Lebensjahr hinaus standhalten zu müssen, wird es ihm ganz anders. Sogar beim Mittagessen finden noch intensive Dienstgespräche statt, falls dieses nicht ganz ausfällt. Dazu kommen noch die anstrengenden Dienstreisen, die oft ein erhebliches Schlafdefizit verursachen.

Wie hier schon deutlich wird, fehlt bei diesen Paaren der Austausch darüber, wie das tägliche Leben des Anderen tatsächlich aussieht. Dieses fehlende Wissen bietet Raum für Spekulationen. Hinzu kommt noch die eigene Unzufriedenheit, die den Neid begünstigt. Bei strikter Aufgabenteilung verlieren Paare sich leicht aus den Augen. Ein Mann der wenig in die Hausarbeit und Kindererziehung integriert ist, kann die harte Arbeit und die Sorgen, die damit verbunden sind, nur schwer nachvollziehen. Genauso erlebt es eine Frau, die schon lange keiner Berufstätigkeit mehr nachgeht. Sie kann sich zunehmend weniger vorstellen, wie hart der Überlebenskampf am Arbeitsplatz ausfällt. Aus diesem Grund rate ich von einer langfristig starren Arbeitsteilung ab.