Toxische Beziehungen

14.05.2019

Ein Fall für die Paartherapie, oder für den Psychiater?

Toxische Beziehungen sind gerade in aller Munde, man hat fast den Eindruck, als ob diese Art von Partnerschaft erst seit kurzer Zeit existieren würde. Sieht man sich allerdings die Merkmale dieser Verbindungen näher an, dann stellt man fest, dass sie damals nur anders bezeichnet wurden, wie z.B. „abhängige Beziehung“, oder „zerstörerische Beziehung“. Zudem nehmen Partnerschaften heute einen wesentlich wichtigeren Raum ein als früher und werden deshalb auch zunehmend katalogisiert.

Die Merkmale einer toxischen Beziehung

Eine toxische Beziehung ist eine Partnerschaft, die durch starke Schwankungen geprägt ist. Die wenigen positiven Momente werden verklärt und die überwiegende Zeit der tiefen Täler wird als Ausdruck der großen Liebe, in der man eben auch intensives Leid durchlebt, hingenommen. Die Kräfteverteilung in diesen Beziehungen ist sehr ungleich. Meistens handelt es sich bei einer toxischen Beziehung um eine Partnerschaft zwischen einem Menschen mit einer narzisstischen oder einer paranoiden Persönlichkeitsstörung und einem Partner, der aus verschiedenen, später noch ausgeführten, Gründen den gefühlt schwächeren Part einnimmt.

Woran erkenne ich einen Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung wirken auf den ersten Blick charismatisch, schillernd, unterhaltsam und sind deshalb in Gesellschaft gerne gesehen. Sie stehen selbstverständlich im Mittelpunkt. Bei näherem Hinsehen und vor Allem in der Partnerschaft fallen dann die Größenfantasien, das Übertreiben der eigenen Leistungen und das Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung auf. Das alles wäre vielleicht noch erträglich, aber der Mangel an Empathie, die fehlende Selbstkritik, das arrogante und hochmütige Verhalten gepaart mit der Abwertung des Partners erschweren jede Beziehung. Dazu kommen noch der häufige Neid auf Andere, die Anspruchshaltung der automatischen Erfüllung der eigenen Erwartungen und das Ausnutzen von zwischenmenschlichen Beziehungen für eigene Zwecke.

Kriterien für eine paranoide Persönlichkeitsstörung

Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung wirken zunächst empfindlich, verletzt und etwas misstrauisch. Das kann beim Gegenüber anfangs Beschützerinstinkte auslösen. Später fällt vor Allem ihr streitsüchtiges Verhalten mit dem Beharren auf den eigenen Rechten auf, sowie das ständige Verdrehen von Tatsachen und dem Umdeuten von neutralen oder freundlichen Handlungen in feindliche. Hinter normalen Ereignissen werden Verschwörungen vermutet. Dem Partner wird ungerechtfertigt Untreue unterstellt, was sich in extreme Eifersucht steigern kann. Zu dem kommt noch eine ständige Selbstbezogenheit, eine starke Überheblichkeit und ein dauerhaft nachtragendes Verhalten. Menschen mit einer ausgeprägten paranoiden Persönlichkeitsstörung können dem Partner nicht vertrauen und verhalten sich auch ihm gegenüber dauerhaft feindselig, was eine längere Beziehung verhindert.

Wer ist anfällig für eine toxische Beziehung?

Es geraten häufiger Frauen in diese Beziehungsform, weil sie eher etwas leidens- und anpassungsfähiger sind als Männer. Zudem sind von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sowie von der paranoiden Persönlichkeitsstörung, die ja als Täter in dieser Konstellation gelten, mehr Männer als Frauen betroffen. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl, diejenigen, die gerade egal aus welchen Gründen destabilisiert sind und sich in einer Krise befinden, eine leicht depressive Grundstimmung aufweisen, oder Angst vor dem Alleine sein haben, geraten eher in solch eine abhängige Beziehung. Vor Allem deshalb, weil der narzisstische Partner in der Werbungsphase einfühlsam und unterhaltsam auftritt. Partner mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung verhalten sich anfangs aufgrund ihres Misstrauens vorsichtig.

Was macht eine toxische Beziehung so gefährlich?

Das gefährliche an dieser Beziehung ist das Schaffen von Abhängigkeiten. Bei dem Partner, der nicht an einer narzisstischen, oder einer paranoiden Persönlichkeitsstörung leidet, entsteht zunehmend die Vorstellung ohne den Anderen nicht mehr existieren zu können. Gerade Menschen mit großer Angst vor dem Alleine sein, oder Partnerschaften, die ein Gefälle aufweisen, sind hiervon betroffen. Diese gefühlte, oder tatsächliche Abhängigkeit lässt den sowieso schon schwächeren Partner regelmäßig verzweifeln, wenn er vom anderen immer wieder abgewertet, links liegen gelassen und / oder herzlos behandelt wird. Diese Verzweiflung kann bei geschwächten Menschen zu Depressionen und sogar zum Suizid führen.

Auf welche Weise ist eine Beziehung toxisch?

Meist ordnet sich der nicht von einer Persönlichkeitsstörung betroffene Partner dem anderen aus Furcht vor Eskalationen oder der Angst vor dem Verlassen werden zunehmend unter und gerät dadurch in eine Vermeidungshaltung, die sein bisheriges Leben immer mehr einschränkt. Die massiven Abwertungen und Auseinandersetzungen sind dermaßen kräftezehrend, dass dadurch die psychische und physische Gesundheit angegriffen wird. Es kann zu Depressionen, Erschöpfungszuständen und schweren Krankheiten führen. Der Alltag wird teilweise nicht mehr, oder nur noch mühsam bewältigt. Auch das soziale Umfeld kann nicht mehr ausreichend gepflegt werden. Dadurch fallen stabilisierende Faktoren weg, was die Abhängigkeit noch weiter verstärkt.

Woran erkennt man, dass man selbst oder andere in einer toxischen Beziehung stecken?

Derjenige, der sich in einer toxischen Beziehung befindet, idealisiert seinen Partner, fühlt sich ihm unterlegen, nimmt Verhaltensweisen des Partners hin, die eigentlich inakzeptabel sind, verteidigt ihn nach außen hin vehement, verwechselt tiefes Leid mit intensiver Liebe, fühlt sich durch die Beziehung eher geschwächt als gestärkt, leidet an Verlustängsten und ordnet sich immer mehr unter.

Wie kann ein Außenstehender einem Betroffenen helfen?

Als Außenstehender muss man damit rechnen, dass der Betroffene sich nach der geringsten Kritik an seiner Beziehung zurückzieht. Man darf nicht außer Acht lassen, dass es sich hier um eine Abhängigkeit, ja fast eine Sucht handelt, sich der Betroffene für diese Beziehung schämt und deshalb besonders peinliche Begebenheiten für sich behält. Man kann sich vorerst nur als Gesprächspartner anbieten und sehr vorsichtig und in homöopathischen Dosen die eigene Sichtweise einstreuen. Erst wenn der Bogen irgendwann überspannt ist, kann man sich als Fluchthelfer anbieten.

Erkennt man eine toxische Beziehung bei sich selbst?

Eine toxische Beziehung erkennt man bei sich selbst erst spät. Die wenigen positiven Beziehungsmomente erscheinen nämlich im Vergleich zu der sonstigen belastenden Grundstimmung so überirdisch, dass man die Partnerschaft dadurch verklärt. Auch das zunehmend schwindende Selbstwertgefühl führt zu dem Eindruck es durchhalten zu müssen. Ein Beziehungsende wird mit dem eigenen Scheitern gleichgesetzt. Man hofft ständig auf eine Verbesserung und mobilisiert dafür die letzten Kräftereserven.

Warum fällt es so schwer eine toxische Beziehung zu beenden?

Der schwächere Partner befürchtet ohne den Anderen nicht mehr leben zu können und bekommt das vom Partner auch ständig vermittelt. Er sieht in dieser Lebensphase keine Alternative zu einem Leben in dieser Beziehung. Um gegen diesen massiv auftretenden Partner eine Trennung durchsetzen zu können, fehlt ihm inzwischen die Kraft und das Selbstwertgefühl. Sowohl ein Partner mit einer narzisstischen, als auch einer mit der paranoiden Persönlichkeitsstörung lässt den Anderen nicht ohne massive Gegenwehr gehen.

Wie kann man sich aus einer toxischen Beziehung befreien?

Partner, die eine toxische Beziehung beenden wollen, benötigen therapeutische Unterstützung, eine stabile Bezugsperson aus dem persönlichen Umfeld und evtl. sogar für die Übergangszeit Antidepressiva. Für diese Medikamente sollte unbedingt ein Psychiater konsultiert werden. Meist gelingt eine Trennung erst nachdem der Leidensdruck sich bis ins Unerträgliche gesteigert hat. Paartherapie gelingt bei toxischen Beziehungen nur selten, weil der Partner mit der narzisstischen oder paranoiden Persönlichkeitsstörung wegen der fehlenden Selbstkritik kaum zu therapieren ist. Ein qualifizierter Paartherapeut kann aber eine Diagnose stellen und dem trennungswilligen Partner einen Weg aufzeigen.