Paartherapie bei Suizidgefahr nach einem Seitensprung

27.11.2016

Eigenständige Fortsetzung der vorangegangenen Artikel

Gerhard hatte nach wochenlangen Zweifeln die Affäre seiner Frau durch einen Blick in ihr Handy aufgedeckt. Trotz seiner Vorahnung tat sich für ihn daraufhin ein Abgrund auf und er befürchtete wahnsinnig zu werden. Sie führten seit 15 Jahren eine in seinen Augen glückliche Ehe mit zwei wunderbaren Kindern. Wie konnte ihnen das nur passieren? Er wusste nicht mehr, wie er die nächsten Stunden überstehen sollte. Er zitterte am ganzen Körper und hatte das Gefühl zu sterben. Lisa, seine Frau, fand ihn nachts schluchzend auf der Wohnzimmercouch und wusste sofort was geschehen war. Sie wollte ihren Mann anfassen, doch er stieß sie zurück und rollte sich wie ein Embryo ein. In dieser Haltung verharrte er unendlich lange, schluchzte und schrie immer wieder in unregelmäßigen Abständen: „Warum?“, „Wie konntest Du nur?“, „Ich habe Dich immer geliebt!“, „Ich Vollidiot!“, „Ich hasse Dich!“, „Ich bringe ihn um!“, „Ich muss sterben!“

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit rollte Gerhard sich aus, sah Lisa mit leerem Blick an und verschwand im Keller. Er setzte sich neben das Weinregal, öffnete eine der besten Flaschen Wein und kippte sie ohne abzusetzen herunter. So verfuhr er mit einer weiteren Flasche und fiel danach im angrenzenden Hobbyraum auf der Gymnastikmatte in einen unruhigen Schlaf. Lisa hatte ihn aus gebührendem Abstand besorgt und mit unendlich schlechtem Gewissen beobachtet. Sie ging davon aus, dass er nicht mehr in der Lage war weiter zu trinken, schloss die Tür der Kinder wegen und rief verzweifelt ihren Freund Sebastian an.

 

Lisa beschloss nach dem Telefonat Folgendes: sie würde zunächst am Morgen die Kinder wie immer zur Schule schicken. Hoffentlich hatten sie von all dem nichts mitbekommen. Ihr weiteres Vorgehen hinge davon ab, in welchem Zustand ihr Mann sich morgens, oder wohl eher mittags, befände. Falls es ihm psychisch sehr schlecht ginge, würde sie ihn entweder zum Psychiater begleiten, oder falls er nicht transportfähig wäre, den ärztlichen Notdienst rufen. Bei einer Gesprächsbereitschaft von seiner Seite, würde sie versuchen am Nachmittag oder am frühen Abend einen Nottermin bei einer Paar- oder Ehetherapie zu erhalten. Adressen hatte sie sich schon gemeinsam mit Sebastian ausgesucht. Natürlich würde sie morgens sie beide krank melden. In diesem Zustand könnte keiner von ihnen arbeiten. Die Kinder sollte ihre Mutter von der Schule abholen und unter irgendeinem Vorwand bei sich übernachten lassen.

 

Gerhard schlief bis mittags und Lisa bekam tatsächlich einen Nachmittagstermin bei der Paartherapeutin ihrer Wahl. Sie hatte deren Büro von dem verzweifelten Zustand ihre Mannes erzählt. Lisa hoffte inständigst ihren Mann auch wirklich dorthin zu bekommen.

 

Als Gerhard mit Übelkeit und Kopfschmerzen erwachte, wusste er nicht, wie er dazu kam betrunken im Hobbyraum auf der Gymnastikmatte zu übernachten. Das war wirklich nicht seine Art. Er litt unter einem Filmriss und erschrak als er auf die Uhr sah. Das erste Meeting hatte er schon verschlafen. Warum weckte Lisa ihn nicht? Allerdings könnte er mit diesem Brummschädel sowieso nichts ausrichten. Er schleppte sich in die Küche, wo seine Frau mit verstörtem Gesichtsausdruck vor ihrem Kaffee saß. Sie goss ihrem Mann schweigend und zitternd etwas davon ein. Gerhard war zu sehr mit seinen Körperfunktionen beschäftigt, als dass ihm ihre Verfassung aufgefallen wäre. Stattdessen entschuldigte er sich für seinen Zustand und die Unannehmlichkeiten, die er ihr dadurch bereitete.

 

Nach einer Zeit des gemeinsamen Schweigens begann Lisa zu sprechen. Sie erzählte ihm von dem Nachmittagstermin bei der Paartherapeutin, den sie für sie Beide vereinbart hatte. Gerhard nahm ein beunruhigendes Gefühl in sich wahr und begann nach seinem Handy zu suchen. Es lag noch im Wohnzimmer und enthielt einen Screenshot von Lisas Handy. Nachdem er diesen mit einem Gefühl der Leere gelesen hatte, willigte er in den Termin ein und verschwand für Stunden im Bad. Glücklicherweise fühlte er sich körperlich so elend, dass er sich dadurch weniger mit seinem psychischen Schmerz befassen konnte.

Die Therapeutin, Frau L. wirkte herzlich und sehr erfahren. Man merkte ihr sofort an, dass sie sich seit Ewigkeiten mit diesem Thema befasste. Das war irgendwie tröstlich und schaffte Geborgenheit. Sie würde sie Beide hoffentlich auffangen und ihnen helfen dieses dunkle Tal zu durchschreiten. Frau L. ließ sich von jedem Einzelnen die Entstehungsgeschichte der Krise in Kurzform bis zum heutigen Tag erzählen und hörte aufmerksam zu. Manchmal fragte sie nach. Sie bat um absolute Offenheit, allerdings sollten Details aus dem Sexualleben der Außenbeziehung ausgespart bleiben.

 

Gerhard musste sich extrem konzentrieren um überhaupt zusammenhängende Gedanken formulieren zu können. Er brach zwischendurch immer wieder ab und schluchzte, oder starrte schweigend vor sich hin. Die Therapeutin gab ihm zu verstehen, dass es für ihn eine extrem belastende Situation sei und er sich ruhig Zeit nehmen könne. Sie erklärte ihm, dass es besser für ihn sei all seine Gedanken auszusprechen und auch widersprüchliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen, statt sie in sich zu vergraben. Gerhard bekam mehr Aufmerksamkeit von ihr, weil es ihm zu diesem Zeitpunkt sehr viel schlechter ging als seiner Frau.

 

Nach einiger Zeit begann die Therapeutin Gerhards psychische Verfassung und seine Pläne für die nächsten Stunden und Tage abzufragen. Er hatte keine Idee wie er weitermachen könnte. Selbst seine Kinder und die Arbeit erschienen ihm nicht wirklich als Anker, von seiner Frau ganz zu schweigen. Frau L. fragte ihn direkt, ob er sich schon einmal mit dem Thema „Suizid“ befasst hätte. Er verneinte, aber er könnte es sich gut vorstellen, dass man in seiner Situation so etwas täte. Anschließend verfiel er wieder in Schweigen. Die Therapeutin bat Gerhard mit ihr einen Vertrag abzuschließen. Er sah sie erstaunt an und wusste nicht worauf sie hinaus wollte.

 

Der erste Vertrag hatte eine Laufzeit von einer Woche. Für diese Zeit wurde genau festgelegt, was Gerhard alles tun und unterlassen sollte. Zunächst musste er, zusammen mit seiner Frau, den soeben informierten Psychiater gleich in der nächsten Straße aufsuchen. Er würde die ihm vom Psychiater verordneten Medikamente genau so lange und in der vorgeschriebenen Dosierung einnehmen und alle Kontrolltermine einhalten. Falls es ihm sehr schlecht ginge, würde er beim Psychiater, der Therapeutin, oder falls niemand erreichbar wäre in der Notfallklinik anrufen, deren Telefonnummer sich im Vertrag befand. Außerdem könne er Frau L. jederzeit eine Mail schreiben. Sie würde ihm zeitnah antworten.

 

Er müsste nachts neben seiner Frau im Bett schlafen, oder falls ihm das lieber sei, im Wohnzimmer, aber keinesfalls alleine im Gästezimmer. Es wäre wichtig, dass er morgens zur Arbeit gehe, aber keine Dienstreise unternähme. Alkohol sei grundsätzlich verboten. Drei Mahlzeiten täglich und ausreichender Nachtschlaf müssten unbedingt eingehalten werden, um ihn nicht weiter zu destabilisieren. Abends sollte er sich immer fest verabreden, entweder mit seinen guten Freunden, seiner Frau oder den Kindern. Mit den Kindern sollten sie in dieser Krise nicht über Einzelheiten sprechen, sondern ihnen lediglich mitteilen, dass sie gerade Schwierigkeiten miteinander hätten, aber sich helfen lassen. Gerhard solle sich privat von komplizierten Menschen fernhalten. Autofahrten wären zu unterlassen, dafür kann er öffentliche Verkehrsmittel benutzen, oder sich fahren lassen. Der wichtigste Bestandteil im Vertrag aber lautete, dass Gerhard weder Suizid begehen, noch sich sonst irgendwie schädigen dürfe. Das Leben seiner Kinder und sein Vertrag müssten dafür stehen.

 

Gerhard schluckte, schon alleine wegen dieser ihm auferlegten Vereinbarungen, unterschrieb aber den Vertrag. Lisa musste Frau L. im Gegenzug versprechen in dieser Woche keinen Kontakt zu ihrem Freund zu pflegen und jeden Abend zu Hause zu sein, selbst wenn ihr Mann sich mit Freunden traf. Sie sollte dafür sorgen, dass schwierige Gespräche nicht vor dem Schlafen gehen stattfänden und müsste die Fragen ihres Mannes, soweit sie nicht unter die Gürtellinie gingen, beantworten. Lisa war von all dem nicht begeistert. Frau L. erklärte ihr, dass ihr Mann sich im Ausnahmezustand befände und jetzt alles getan werden müsse, damit er sich stabilisiere. Sie betonte auch, dass Lisa auf keinen Fall alleine zu dieser Misere beigetragen hätte, sondern sie Beide daran beteiligt seien. Nach Ablauf dieser Woche vereinbarte Frau L. mit Lisa und Gerhard einen Termin, bei dem ein neuer Plan erarbeitet werde. Und Lisas Gefühle sollten beim nächsten Mal viel mehr Platz erhalten.