Keine Lust mehr nach dem Kind

04.05.2016

Libidoverlust der Frau nach der Geburt

Die meisten Paare, die sich bei mir zur Paartherapie einfinden, kommen ohne Umschweife auf das eigentliche Thema zu sprechen: Sie hat keine Lust mehr auf Ihn. Manchen ist der Zeitpunkt für diese tragische Veränderung durchaus bewusst, andere wiederum erinnern sich erst auf meine Nachfrage daran: ab der Geburt des Kindes war es vorbei. Vorher hatten sie ein fantastisches Liebesleben und zeugten deshalb auch ihr Kind. Sogar in der Schwangerschaft genossen sie die Sexualität miteinander. Einige Zeit nach der Entbindung rafften sich die Frauen noch einmal auf, um ein Geschwisterchen für ihr Kind zu zeugen und danach kam dann alles zum Erliegen.

So recht können sich die meisten Frauen ihre Lustlosigkeit selbst nicht erklären, obwohl sie sich redlich bemühen: die Geburt war so schwer und hinterließ Spuren, ihr Körper hat sich zum Nachteil verändert und sie fühlen sich nicht mehr so wohl in ihrer Haut, sie finden sich vom Mann mit den Kindern alleine gelassen, ihr Selbstwert leidet unter der eingeschränkten oder fehlenden Berufstätigkeit, das (oder die Kinder) sind so anstrengend, die Wohnsituation ist so ungünstig, sie haben keine, oder unangenehme Familienangehörige in der Nähe, die finanzielle Situation belastet sie uvm. Selbst Frauen, auf die diese Punkte kaum zutreffen, verspüren deshalb auch nicht mehr Lust auf ihren Partner.

Für den Mann ist diese Situation unerträglich. Er erlebt seine ihm vorher körperlich sehr zugewandte Frau plötzlich total abweisend und/oder sexuell völlig gleichgültig. Er erfährt von Anderen, dass das während der ersten Zeit mit dem Baby ganz normal ist und beginnt zu warten. Er malt sich in seinen körperlich einsamen Nächten schon aus, was sie später alles miteinander erleben werden und freut sich natürlich an seinem Kind. Die Wartezeit wird aber immer länger und er beginnt mit vorsichtigen Annäherungsversuchen. Seine Frau reagiert entweder gar nicht, oder vertröstet ihn auf später. Falls sie darauf eingeht, wirkt es enttäuschend mechanisch. Beide beruhigen sich damit, dass es eben noch zu früh für die Sexualität ist und er wartet weiter.

Irgendwann hält der Mann es nicht mehr aus. Er fühlt sich unbefriedigt, unausgeglichen, ungeliebt und beginnt seiner Frau Vorwürfe zu machen. Sie schwankt zwischen eigenen Schuldgefühlen und Wut auf ihn. Ein Teufelskreis beginnt. In den meisten Fällen gelingt den Paaren hier kein Ausweg und sie leben in einer sehr angespannten Stimmung weiterhin zusammen. Eine Trennung kommt schon wegen dem/der Kind(er) nicht in Frage und eine Besserung ist nicht in Sicht. Also suchen sie in ihrer Not eine Eheberatung, Paartherapie oder eine Sexualtherapie auf.

Als Paartherapeut darf man hier keinesfalls parteiisch werden, denn es existiert keine Schuld. Jeder Partner leidet auf seine Art und Weise und versteht den Anderen nur kaum. Ein völliges Wiederherstellen der ursprünglichen Sexualität des Paares vor dem Kind ist meistens eine Illusion, es geht viel mehr darum, zusätzliche Risikofaktoren auszuschalten. Die Partner sollten sich zumindest zeitweise wieder als Paar erleben und regelmäßige kinderfreie Zeiten einführen. Ein, oder besser mehrere zuverlässige Babysitter sind hierfür unerlässlich. Auch gemeinsame Interessen oder Projekte müssen gepflegt werden. Trotz der wirklich erfüllenden Erfahrung mit Kindern, braucht das Paar daneben ein ungestörtes Eigenleben miteinander. Gerade bei Frauen entsteht Lust nicht unbedingt abgehetzt zwischen Tür und Angel. Sie brauchen Zeit und Raum dafür und möchten vom Partner als Frau wahrgenommen werden.

Tiefenpsychologisch betrachtet, ist der Übergang von der Zweier- zur Dreierbeziehung, wie er durch die Geburt des Kindes stattfindet, eine drastische Veränderung. Das Paar, das bisher zu zweit seine Beziehung pflegte, muss seine Rollen völlig neu sortieren und steigt gleichzeitig eine Generation auf. Zudem werden vom Umfeld und von jedem der Beiden selbst nur Glücksgefühle wegen dem Elternsein erwartet. Diese wunderbaren Gefühle existieren natürlich auch, nur eben nicht durchgehend. Die Partnerschaft rückt in den Hintergrund und soll trotzdem noch die lustvolle Sexualität hervorbringen wie zu den Zeiten als man noch zu zweit war.

Frauen verschmelzen im ersten Lebensjahr mit dem Säugling und diese Mutter-Kind-Symbiose ist für die Entwicklung des Babys sehr wichtig. Natürlich spielt der Vater auch zunehmend eine Rolle, nur eben in dieser ersten Zeit aus biologischen Gründen meistens nicht in der Intensität wie die Mutter. Nach dieser intensiven Phase mit dem Baby gelingt der Wiedereinstieg in die Paarbeziehung meisten nur unvollständig, oder gar nicht. Das Kind steht nicht neben, sondern zwischen dem Paar und ist zumindest für die Mutter die Nummer 1. Meistens findet das Abnabeln vom ersten Kind nur dafür statt, um das zweite Kind zu zeugen und danach besteht schon so eine große Kluft zwischen dem Paar, dass es sich fast nur noch über das Eltern sein definiert. Vor der Zeugung des zweiten Kind müssen sich die Partner also unbedingt wiedergefunden haben!

Leider erlebten auch nur sehr wenige Paare ein brauchbares Partnerschaftsmodell durch ihre Eltern und müssen sich deshalb selbst etwas Hoffnungsvolles und Neues kreieren. Dafür ist eine passende Paartherapie oft unerlässlich.