Gabriele Leipold als Expertin in WELT am Sonntag, Nr. 37, 10.09.2017, S. 65, über "Liebeskiller Haustiere"

10.09.2017

Wenn die Katze guckt, vergeht so manchem die Lust. Singles mit Haustier sind als Partner nicht gerade begehrt. Einblicke in eine komplizierte Dreiecksbeziehung

So hatte sich der 33-jahrige Berliner sein zweites Date nicht vorgestellt. Die hübsche Tinder-Bekanntschaft war schon beim ersten Treffen im Biergarten nebst Terrier erschienen, nun tauchte sie auch bei ihm zu Hause mit dem Tier auf. Der erste Kuss wurde von lautem Bellen begleitet. Worauf der Hund auf den Balkon musste und eine besorgte Nachbarin herbeikläffte. Der Anstandswauwau durfte wieder rein, lag schließlich mit im Bett. Während der Mann die eine Hand über die Frau wandern ließ, hielt er mit der anderen dem Terrier die Schnauze zu. Sein Fazit: ,,Ein Dreier, aber nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.“

 

Als wäre die Suche nach einem Partner nicht kompliziert genug! Trifft ein Single einen anderen Single mit Haustier, ergeben sich schnell Situationen, in denen sich die Frage aufdrangt: Will man das eigentlich, dieses Leben zu dritt oder gar mit einem ganzen Kleintierzoo? Schließlich handelt es sich bei jedem anderen Wesen mit Herzschlag a) um einen potenziellen Nebenbuhler (,,immer bist du im Reitstall“), b) um ein nachhaltiges Streitthema (,,Warum soll ich schon wieder mit dem Hund raus? Ist doch deiner“ oder ,,Wechsel du doch mal das Katzenstreu“) und c) um ein potenzielles Problem mehr (,,Wer füttert im Urlaub die mongolischen Wüstenmäuse?“).

 

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, einen Tierfreund zu treffen: 30 Millionen Haustiere gab es 2016 in Deutschland, zehn Millionen davon lebten - oder aus Perspektive potenzieller Partner: lauerten - in Singlehaushalten. Nur eine Minderheit von Alleinstehenden findet nämlich Menschen mit Tieren liebenswürdig. Einer Umfrage des Dating-Portals Parship zufolge wünschen sich ein Viertel der bei der Seite angemeldeten Suchenden eine neue Liebe ohne tierischen Anhang. Rund 40 Prozent meinen, es käme auf das Tier an. Es herrscht also Skepsis in Sachen Katz und Hund. Kein Wunder, dass es längst Dating-Plattformen für Haustierbesitzer gibt wie ,,Dogs 2 love“. Nach dem Prinzip von Raucherkneipe und SM-Club bleiben hier die Problemfälle unter sich.

 

Aber was tun, wenn man als Tierfeind oder -skeptiker einen dem ersten Eindruck nach wunderbaren Tierbesitzer kennenlernt? Es gilt wohl: Give Haustier a chance! Ist das Interesse bei den ersten Dates groß genug, wird der/die Neue sich schon anstrengen. Wie der junge Münsteraner, der eine Schlange und eine frisch gekaufte Ratte in die Beziehung einbrachte. Seine neue Freundin konnte sich zwar mit dem Reptil anfreunden, fand aber die Ratte eklig. Als die zudem Junge bekam, verfütterte der Kavalier den Nachwuchs an die Schlange.

 

In jedem Fall ist es eine gute Idee, erst Mal Mensch und Tier zusammen zu beobachten. Vielleicht ist ja noch ein Platz im Bett frei. Wie immer ist auch bei der Tierhaltung alles eine Typfrage. So hat die Bonner Psychologin Silke Wechsung für ihre Doktorarbeit rund 2800 Hundebesitzer befragt und dabei drei Halter-Typen ausgemacht: 43 Prozent zählt sie zum sozialen Typ, bei dem der Hund sein darf, was er ist: ein Hund. Hier hat ein neuer Partner wohl am ehesten eine Chance, wie ein Mensch behandelt zu werden. 22 Prozent sind Wechsung zufolge ,,prestigeorientiert“ und nutzten das Tier als Accessoire, ziehen ihm Jäckchen an, tragen es im Designertäschchen herum. Die meisten davon sind Frauen, Typ Paris Hilton. Muss man mögen.

 

Immerhin 35 Prozent der Hundehalter, Männer wie Frauen, sortiert die Forscherin in die Kategorie derer, denen der Hund wichtiger ist als der Kontakt zu anderen Menschen. Sie halten ihr Tier artgerecht, neigen aber dazu, ihm mehr Liebe und Zuwendung zukommen zu lassen als ihrem Partner. Obacht! Auf deren Tiere ist man - aus Therapeutensicht - zu Recht eifersüchtig. Wer will schon in der eigenen Beziehung der Underdog sein? Und wer kann schon, wenn die Katze guckt?

 

Gabriele Leipold, die seit über 30 Jahren als Paartherapeutin in München praktiziert, begegnet jede Woche mindestens einem Haustier-Fall. ,,Häufig kommt ein Partner nach Hause und begrüßt den Hund oder die Katze liebevoll und ausgiebig. Danach wird der Lebensgefährte flüchtig abgefertigt.“Als Begründung höre sie oft: ,,Das Tier ist ja auch netter zu mir.“ Immer mal wieder erfahre sie, dass das Haustier im Bett schlafe und der Partner im Gästezimmer. Auch Günter Reich, Psychotherapie-Professor in Göttingen mit viel praktischer Erfahrung als Analytiker und Paartherapeut, behandelt regelmäßig zwischenmenschliche Haustierprobleme. Und hat beobachtet, dass eher Frauen als Männer eine übermäßig enge Beziehung zum Tier aufbauen: ,,Wenn Tiere zum Streitobjekt werden, dann werden sie oft - wie manchmal auch Kinder in solchen Situationen - als Schutzschild eingesetzt.“ Häufig gehe es darum, dass einer sich weniger körperliche Nähe wünscht, aber das nicht direkt sagen mag. ,,Dann heißt das: Pssst, der Hund könnte aufwachen.“

 

Merke: Typisch für Haustiere ist ihr ausgeprägtes Territorialverhalten. Dürfen Hund oder Katze ins Bett, betrachten sie es als ihr Revier. Und dann ist es für Neulinge schwer, dort hineinzukommen. In jedem Fall ist der Mensch schuld, wenn das Tier nervt, wie auch der aus dem Fernsehen bekannte Tiertrainer (,,Der Hundeprofi“) Martin Rütter predigt, demnächst sogar auf einer Deutschlandtour bei einer abendfüllenden Show namens ,,Freispruch“. Klar knurre der Hund vielleicht mal, wenn Frauchen einem neuen Freund näherkomme. Letztlich sei es an der Besitzerin, ihm das abzugewöhnen. ,,Der Hund muss lernen, dass er in Bezug auf Frauchen nicht die Nummer eins ist. Dazu sollte man ihm zum Beispiel feste Liegeplätze zuweisen, und diese sollten in dem Fall natürlich nicht gerade auf dem Sofa oder Bett sein!“ Noch ein Rat an die Haustierskeptiker? ,,Unternehmen Sie etwas zu dritt. Bestimmt werden Sie viele lustige, interessante und auch liebenswerte Eigenschaften und Verhaltensweisen des Hundes feststellen können.“

 

Klingt wie ein Rat für jemanden, der sich gerade eine Patchworkfamilie zulegt. In der Tat sieht auch Rütter Parallelen zwischen Tieren und Kindern. Es gälten im Prinzip die gleichen Tricks fürs Um-den-Finger-Wickeln: ,,Kommt Besuch, sind die meisten Hunde begeistert und freuen sich über die willkommene Abwechslung. Hat der Besucher auch noch ein Leckerli dabei oder lässt sich auf ein Spiel mit dem geliebten Ball ein, ist eine erste Freundschaft meist schnell geschlossen.“

 

Manchmal lassen sich sogar scheinbar unlösbare Probleme beseitigen. Der amerikanische Tierarzt David Handel berichtet, wie er sich einst in eine Katzenallergikerin verliebte. ,,Damals besaß ich schon seit fast zehn Jahren zwei Katzen. Sie hatten mich durch schwierige Zeiten begleitet, ich hing sehr an ihnen.“ Schließlich verpasste er den Tieren einen Kurzhaarschnitt. Wie das aussah? ,,Googeln Sie mal ,Lion Cut‘ und ,Cat“‘, sagt er. Die Suchmaschine spuckt Fotos von nach Löwen aussehenden Katzen aus. Und Diskussionen darüber, ob das tiergerecht sei. ,,Ich hielt es für einen guten Kompromiss zwischen Mensch und Tier“, sagt Handel. Inzwischen sind die Katzen tot, das Paar besitzt einen allergikertauglichen Hund. Dann schwärmt er, wie gut es sich anfühle, ein Tier zu besitzen. Das finde seine Frau nun auch.

 

Von BRENDA STROHMAIER und ELKE BODDERAS

WELT am Sonntag, 10.09.2017