Falscher Stolz

24.02.2013

Wann man sich Hilfe holen sollte

Bisher befand man sich überwiegend auf der Sonnenseite des Lebens: Vieles klappte reibungslos, das Familiäre, das Berufliche, und sogar mit Gesundheit war man gesegnet. Die Menschen mit weniger Glück beäugte man manchmal misstrauisch. Vielleicht machten sie irgend etwas falsch und diese Fehler führten dann zu deren Misere. Ungute Lebensumstände erschienen vermeidbar.

Entweder schlich sich aber irgendwann etwas Unangenehmes in das eigene Leben ein, oder es geschah quasi aus heiterem Himmel: jedenfalls brach die schöne heile Welt plötzlich zusammen. Werkzeuge um die Krise auch nur annähernd zu bewältigen standen nicht zur Verfügung. Das Umfeld reagierte ähnlich verständnislos, wie man bisher selbst bei Krisen Anderer reagiert hatte. Was konnte man nur tun?

Die Suche nach einem Schuldigen verläuft meistens unbefriedigend. Als Opfer hat man schließlich keine Möglichkeit selbst etwas zu bewegen. Also gilt es entweder nach der Eigenbeteiligung zu forschen, oder das Schicksal anzunehmen und das Beste oder etwas ganz Anderes daraus zu machen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Gabe zur Veränderung sind die Grundvoraussetzung zur Bewältigung einer Krise. Will man hingegen nur einfach sein altes Leben zurück, scheitert man fast immer.

Paare und einzelne Menschen, die mich während einer Krise aufsuchen, bringen demnach unterschiedliche Fähigkeiten zur Bewältigung mit. Je offener und reflektierter sie sind, desto eher nehmen sie meine Hinweise auf. Eine weitreichende Lebensumstellung benötigt allerdings etwas Zeit und Geduld. Auch eine gewisse Demut gehört mit dazu. Das Eingeständnis der eigenen Not ermöglicht erst eine Hilfestellung von außen. Falscher Stolz ist hier unangebracht.

Ab wann ist es aber sinnvoll sich Hilfe zu holen? Bei wiederholten Gefühlen der Ausweglosigkeit, bei sich nicht verbessernden Schlafstörungen, wenn man morgens das Bett nicht mehr verlassen möchte, bei massiver Erschöpfung, bei der Angst davor nach Hause zu kommen, wenn sich Gedanken nicht mehr abstellen lassen, bei dem Gefühl den Boden zu verlieren, bei ständigen Streits oder Sprachlosigkeit in der Partnerschaft, wenn man sich sehr einsam fühlt usw. Diese Aufzählung könnte man noch beliebig erweitern. Viele Menschen warten viel zu lange, bis sie etwas unternehmen und leiden damit unnötig. Professionelle Hilfe hat einen objektiveren Blick auf die Situation als das eigene Umfeld, und weist Wege, die man selbst nie wahrnahm oder nicht zu betreten wagte.