Die Versöhnung

21.08.2014

mit unterschiedlichem Tempo

Der Streit war heftig und hinterließ auf jeder Seite Spuren. Jeder zog sich zurück um seine Wunden zu lecken und einen Plan für die Zukunft zu schmieden. Sie griff zum Telefon und erzählte alles ihrer Freundin um deren Rat einzuholen. Er ging zum Sport.

Die Freundin versuchte unvoreingenommen zu sein und ging mit ihr alles noch einmal durch. Im Laufe des Gesprächs fühlte sie sich deutlich besser und hatte das Bedürfnis sich wieder mit ihm zu versöhnen. Er kam beim Sport langsam herunter und wollte zu Hause einfach nur seine Ruhe haben. Bitte nur kein weiterer Kontakt. Er ging in den Keller zum Schlafen.

Sie (es könnte genauso gut auch er sein) war extrem enttäuscht: wie konnte er ihr so etwas nur antun? Sie bat ihn wieder zu ihr hochzukommen, doch er blieb hart. Es ging ihr so schlecht, dass sie die ganze Nacht kein Auge zumachte und sich überlegte, ob sie sich am nächsten Tag krank melden sollte. Am Abend stellte sie ihn dann vor die Entscheidung: entweder zum Paartherapeuten oder zum Scheidungsanwalt. Er entschied sich für die Paartherapie und sie war erleichtert.

Bei der Paartherapeutin kamen die unterschiedlichen Bedürfnisse der Beiden zur Sprache. Sie hielt es kaum aus sich nicht gleich wieder zu versöhnen, weil ihre Mutter sie nach jeder Auseinandersetzung mit Liebesentzug bestraft hatte. Diese Abwendung ihrer Mutter war für sie die allerschlimmste Strafe. Sie fühlte sich buchstäblich mutterseelenallein und litt Höllenqualen. Nach jedem Streit mit ihrem Mann wurde sie wieder zu diesem hilflosen Mädchen, das sich um jeden Preis sofort versöhnen musste.

Für ihn sah alles ganz anders aus. Er war der einzige Sohn in seiner Herkunftsfamilie und seine Mutter gab ihm mehr Zuwendung als ihm guttat. Er befreite sich in der Pubertät mühsam aus ihren Fängen. Oftmals provozierte er sie nur um dadurch eine Auszeit von ihrer übermäßigen Liebe zu erlangen. Seine Frau erlebte er nach jedem Streit so bedürftig und anhänglich und hatte den Eindruck, dass es ihr nicht um ihn ging, sondern nur um ihr eigenes Interesse. Er fühlte sich mit seinen Bedürfnissen nicht gesehen, ähnlich wie bei seiner Mutter.

Er hätte gerne eine Versöhnung auf Augenhöhe und nicht aus innerer Not. In dieser Deutlichkeit erkannte er es erstmals während der Paartherapie. Vorher hatte er nur immer den Drang verspürt in einer derartigen Situation zu fliehen und fühlte sich gleichzeitig schuldig. Sie wünschte sich während ihrer Verzweiflung einfach nur in den Arm genommen zu werden. Das konnte er ihr aber keinesfalls geben. Sie musste also ihre kindliche Not bearbeiten, um sich versöhnen zu können, wenn sie es wollte und nicht, weil sie es musste. Er hingegen konnte nicht umhin seine Mutterbeziehung noch einmal gründlich anzusehen, um seine Frau nicht mit ihr gleichzusetzen. Wahrscheinlich braucht er dann keinen derart massiven Rückzug mehr.