Die einseitig offene Ehe

07.10.2012

Das mehr oder weniger heimliche Parallelleben

Im Kinofilm „und nebenbei das große Glück“ sagt die Hauptdarstellerin über ihre frühere Ehe: „Wir führten eine offene Ehe, er führte das Offene und ich die Ehe.“ Diesen Satz würde ich zwar nicht geschlechtsspezifisch unterstreichen, aber ansonsten schon. Auf viele Paare, die mich aufsuchen, trifft diese Aussage zu. Einer lebt neben der Partnerschaft ein Single-Leben, der Andere kümmert sich scheinbar ahnungslos um das Familienleben. Sobald alles auffliegt, gibt es einen großen Knall.

Meine Frage, ob sie sich denn eine offene Ehe vorstellen können, verneinen Beide empört. Auch der (oder die) Untreue! Der Schluss liegt nahe, dass das Offene nur im Verborgenen sein darf. Der bisher offene Partner schwört für die Zukunft ewige Treue und beteuert es nicht zu ertragen, falls sein Lebensgefährte auch Außenbeziehungen einginge. Alle Einwände von meiner Seite, dass eine plötzliche Abkehr von allen Versuchungen ziemlich unrealistisch ist, und die Affären schließlich ihre Gründe hatten, werden vom Tisch gewischt.

Die wirkliche Aufdeckung der Ursachen für dieses einseitige Parallelleben ist meistens zunächst nicht erwünscht. Die Scham ist auf beiden Seiten zu groß. Der bisher Ahnungslose fühlt sich naiv und dumm und der Untreue befürchtet verlassen zu werden, falls er alle Karten auf den Tisch legt. Deshalb absolvieren Beide nur ein paar Stunden Paartherapie ohne wirklichen Tiefgang und versprechen sich gegenseitig Besserung auf allen Gebieten. Sie haben Angst vor der Veränderung, die eine wirkliche Aufarbeitung mit sich bringen würde.

Nach einem Jahr sehe ich diese Paare meistens wieder und zwar aus demselben Grund wie vorher. Sie berichten, dass es einige Monate gutging und sich dann wieder alles wie früher entwickelte. Jetzt möchten sie es richtig mit einer Eheberatung versuchen und sich notfalls auch trennen.

Im Laufe der Paartherapie zeigt sich dann die Beteiligung auf beiden Seiten. Derjenige der immer wieder fremdging, hatte sich mit seinem gleichgeschlechtlichen Elternteil meistens nicht oder viel zu wenig identifiziert. Deshalb erhoffte er sich unbewusst durch den Kontakt mit vielen Sexualpartnern zum Mann oder zur Frau zu werden. Von seinem Lebensgefährten fühlte er sich sexuell vernachlässigt. Dieser hatte tatsächlich den Eindruck den Wünschen des Partners nicht gewachsen zu sein und zog sich sexuell zurück. Seine sowieso schon vorhandenen Minderwertigkeitsgefühle wurden durch den Partner noch verstärkt.

In der Paartherapie gilt es einerseits an der Stärkung jedes Einzelnen zu arbeiten und andererseits zu vermitteln, dass der Partner nicht dafür zuständig ist dem Anderen alle Wünsche zu erfüllen. An diesem Anspruch kann jede Beziehung nur scheitern. Erst wenn man in der Lage ist auch gelegentliche Durststrecken ohne Ersatzhandlungen auszuhalten, kann man sich wirklich als Mann und Frau begegnen und nicht nur als zwei Bedürftige.