Der Supergau für die Partnerschaft

17.10.2013

Die Existenzbedrohung durch den Seitensprung

Bei mindestens 80% der sich neu anmeldenden Klienten ist Untreue im Spiel. Das bedeutet, dass die Partnerschaft, die Kinder und die Existenz davon betroffen sind. Meistens sitzt der betrogene Partner schon verweint im Wartezimmer, während der Andere sehr hilflos wirkt. Der Betrogene kann nicht mehr schlafen, leidet unter Panikattacken, Appetitlosigkeit und kann sich überhaupt nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren. Häufig wird er vom Hausarzt krank geschrieben, was aber meistens dazu führt, dass er mehr Zeit hat sich mit seinen Ängsten zu beschäftigen und die stabilisierende Wirkung des Berufsumfelds auch noch wegfällt.

Der Untreue hingegen fühlt sich zwischen zwei Menschen zerrissen, leidet an Schuldgefühlen und weiß weder ein noch aus. Auf der einen Seite steht sein bisheriger Partner, die Familie und oft auch seine Existenz, auf der anderen Seite die scheinbar riesengroße und verheißungsvolle Liebe, ohne die er glaubt nicht mehr leben zu können. Oft leidet auch er unter ähnlichen Symptomen wie sein Partner, nur in etwas abgeschwächter Form.

Falls das Paar Kinder hat, sind auch diese völlig verwirrt, leiden unter Ängsten, Albträumen und Konzentrationsstörungen, so dass die Lehrer oder Erzieher die Eltern zum Gespräch bitten. Man muss sich vorstellen, dass sich bei dem Paar zu Hause regelrechte Dramen abspielen, zwischen Suiziddrohungen, körperlicher Gewalt und Nervenzusammenbrüchen.

Meine Aufgabe als Paartherapeutin besteht darin, zuerst die Krise zu deeskalieren um anschließend, wenn die Partner wieder ansprechbar sind, mit ihnen in die Tiefe zu gehen um die Gründe für den Seitensprung herauszuarbeiten. Den ersten Druck nehme ich dem Paar, indem ich ihnen erkläre, dass es keinen Schuldigen und Unschuldigen in dieser Situation gibt, sondern Jeder seinen Teil dazu beigetragen hat. Außerdem passiert das Fremdgehen in jeder längeren Beziehung mindestens einem von Beiden und das wäre noch lange kein Grund für eine Trennung, ansonsten gäbe es überhaupt keine Langzeitbeziehungen mehr. Derjenige, der über einen längeren Zeitraum hinweg Defizite in der Partnerschaft erlebt, nimmt die ganze „Schuld“ auf sich und geht fremd, um dadurch die Alarmglocken für die Beziehung zu läuten. Je starrer und unbeweglicher eine Partnerschaft ist, desto anfälliger ist sie für eine Affäre.

Bevor ich mich mit dem Paar auf Ursachenforschung begebe, bitte ich den untreuen Partner seine Außenbeziehung entweder zu beenden, oder zumindest für die Zeit der Paartherapie auf Eis zu legen. Für Manche ist das ein Kraftakt, weil sie auf Grund ihrer Verliebtheit regelrechte Entzugserscheinungen ohne ihre Affäre aufweisen. Ich erkläre Demjenigen dann, dass eine tiefgehende Arbeit an der eigentlichen Partnerschaft nur möglich ist, wenn er oder sie wahrnimmt was durch den Entzug fehlt, um das so nach und nach wieder in die Beziehung einfließen zu lassen. Allerdings ist das noch ein weiter Weg, für den man sich Zeit nehmen sollte. Man kann nicht alles in ein paar Tagen richten, was schon jahrelang falsch lief. Meistens tritt aber nach der ersten Stunde schon eine leichte Entspannung ein, weil Beide erkennen, dass sie Hilfe erfahren.

Die weiteren Stunden dienen der tiefergehenden Bearbeitung. Dabei geht es um das Herausarbeiten der Beteiligung jedes Einzelnen an der Misere unter Einbeziehung der eigenen Prägungen aus der Kindheit. Elterliche Vorbilder, was Beziehungsführung und die Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil betrifft, spielen hierbei eine große Rolle. Auch die Funktion des oder der Geliebten für die Beziehung muss aufgedeckt werden. Welche Defizite sollte er ausgleichen?

Die körperlichen und psychischen Symptome des Paares und ihrer Kinder nehmen im Laufe der Paartherapie immer mehr ab und verschwinden schließlich völlig. Die meisten Paare, die sich in dieser Krise an mich wenden, bleiben nicht nur zusammen, sondern verändern ihre Partnerschaft grundlegend.