Der Seitensprung

31.10.2016

Fortsetzung des Fallbeispiels für Untreue vom 6.10.201

Gerhard hatte nach wiederholten Albträumen eines Nachts ins Handy seiner Frau Lisa gesehen und dabei festgestellt, dass sie seit einiger Zeit eine Liebesbeziehung mit einem anderen Mann führte. Es brach eine Welt für ihn zusammen und er war gerade dabei sich in totaler Verzweiflung zu fragen, wie das geschehen konnte, als seine Frau plötzlich vor ihm stand.

 

In diesem Moment wurde Lisa erstmals die Tragweite ihres Handelns bewusst. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie war sich durchaus darüber im Klaren, dass sie Gerhard als Lebensgefährtin und Mutter seiner Kinder wichtig war, aber als Frau und Geliebte fühlte sie sich immer häufiger übersehen. So als wäre sie ein angenehmes Inventar. Seine junge Kollegin hingegen erfuhr viel mehr Aufmerksamkeit als sie. Er kümmerte sich persönlich um deren Geburtstagsgeschenk und ihres hatte er sogar schon einmal ganz vergessen. Ganz zu schweigen von den Hochzeitstagen.

 

Gerhard war im Großen und Ganzen ein angenehmer Ehemann, er versorgte seine Familie finanziell immer gut und verbrachte die Urlaube und Wochenenden gerne mit ihr und den Kindern. In den letzten Jahren fehlte ihr aber zunehmend etwas. Dieses innige Liebesgefühl der ersten Jahre flackerte kaum noch auf. An dessen Stelle trat ein reibungsloses Nebeneinander. Es funktionierte alles auf eine selbstverständliche Art und Weise. Eigentlich müsste sie ja dankbar dafür sein.

 

Lisa war sich lange nicht darüber im Klaren, was ihr eigentlich fehlte. Bis sie eines Tages wieder einmal ihrem Kollegen Sebastian in der Cafeteria gegenüber saß. Sie sprachen diesmal nicht wie sonst üblich, über das aktuelle Projekt, oder lästerten über Kollegen, sondern erzählten sich ihre Lebensträume. Sie waren überrascht wie ähnlich die ausfielen. Jeder würde gerne viel freier und in anderer Umgebung leben. Sebastian und sie sahen sich auf einmal anders an als sonst und sie fühlte sich irgendwie elektrisiert. Sie befürchtete ihren Körper und ihre Gesichtszüge nicht mehr so ganz unter Kontrolle zu haben. Ihrem Kollegen schien es ähnlich zu gehen, was sie an seinem veränderten Blick zu erkennen glaubte. Sie fanden sich schon immer sympathisch und auch auf eine Art attraktiv, aber dabei war es bisher auch geblieben.

 

Die nächsten Wochen gingen sie sich aus dem Weg. Beide waren zu irritiert. Doch dann kam das Sommerfest der Firma und das wurde ihnen zum Verhängnis.

 

In dieser oder ähnlicher Form beschreiben sowohl Männer, als auch Frauen den Beginn einer Außenbeziehung. Sie entsteht immer dann, wenn die eigentliche Partnerschaft über längere Zeit hinweg brach liegt, und Enttäuschungen nicht gemeinsam bearbeitet werden. Je mehr Unausgesprochenes zwischen dem Paar liegt, desto größer wird der innere und bald auch der äußere Abstand. Auch Alltagsroutine, die nur selten unterbrochen wird, führt zu einer Abstumpfung im partnerschaftlichen Gefühlsleben. Das Liebesgefühl weicht einem selbstverständlichen Zusammengehörigkeitsgefühl ohne gelegentlichen Highlights.

 

Intensive Gefühle werden dann mit den Kindern, spannenden Hobbys, beruflichem Erfolg, oder mit sehr guten Freunden gelebt. Irgendwann reicht das nicht mehr aus und es begegnet Einem Jemand, der das brach liegende Liebesgefühl aktiviert. So etwas geschieht meistens ungeplant aus scheinbar heiterem Himmel. Zunächst wehrt sich der liierte Partner dagegen. Die Angst, das bisherige Leben durch eine neue Liebe total umgestalten zu müssen, ist einfach zu bedrohlich. Je größer allerdings die Defizite in der bisherigen Partnerschaft sind, desto massiver ist das Verliebtheitsgefühl im Außen und kann nicht lange ignoriert werden.

 

Kämen die Paare noch in dieser Phase, also bevor die Außenbeziehung begonnen hat, in Paartherapie oder Eheberatung, dann stünden die Chancen auf schnellen Erfolg höher. Es wären noch nicht so viele Verletzungen passiert und die Verliebtheit hätte noch zu keiner Außenbeziehung geführt. Trotzdem würde dieses Liebesgefühl für einen Dritten die beiden Partner genug aufrütteln um eine dringend nötige Veränderung in der Partnerschaft herbeizuführen.

 

Leider suchen Paare aber erst dann eine Paartherapie auf, wenn Sie völlig am Ende ihrer eigenen Möglichkeiten stehen. Der Paartherapeut ist dann die ersten Stunden hauptsächlich mit Krisenmanagement beschäftigt. Erst nach ein bis drei Stunden mit gegenseitigen und eigenen Schuldzuweisungen und totalem Chaos beginnt die eigentliche Arbeit. Es muss festgestellt werden, wie die Schieflage in der Beziehung entstand und was jeder Einzelne durch seine psychische Verfassung dazu beigetragen hat. Anschließend wird die Partnerschaft auf neue Beine gestellt. Je besser das dauerhaft gelingt, desto mehr verblasst der, oder die Dritte im Außen. Bis dahin ist es allerdings ein harter, aber meistens lohnenswerter Weg.

 

Fortsetzung folgt.