Der Ablösungshass

02.09.2012

Abnabeln ist schwer

Jeder weiß, dass die Zeit irgendwann gekommen sein wird, aber man kann es sich trotzdem nicht so recht vorstellen. Wie alles Unangenehme betrifft auch die Pubertät nur die anderen Eltern. Das eigene Kind ist doch so vernünftig und so gut erzogen. Und dann geht es doch los. Es geschieht aus scheinbar heiterem Himmel und man fühlt sich den Launen des Heranwachsenden fast schutzlos ausgeliefert. So mancher harte Mann bricht dann als Vater zusammen. Gerade hat man sich als Eltern noch eine Strategie zurechtgelegt, schon erwischt es einen von einer anderen Seite.

Das bisher friedliche Familienleben verwandelt sich in eine Dauerkrise. Die Lehrerin einer besorgten Siebtklässlermutter „tröstete“ diese mit den Worten: „Denken Sie sich nichts, es wird noch viel schlimmer.“ Die Liste der Verhaltensweisen eines Pubertierenden ist lang:

Der Jugendliche hat häufig einen mürrischen Gesichtsausdruck, schließt sich ständig im Zimmer ein, fühlt sich permanent missverstanden, verbringt entweder sehr viel oder zu wenig Zeit im Bad, nimmt sich ungefragt Dinge von anderen Familienmitgliedern, hält sich nicht an Verabredungen, vermittelt den Eltern, dass sie alles falsch gemacht haben, verändert sein Äußeres um die Umwelt damit zu schockieren, leidet an extremen Stimmungsschwankungen, macht immer das Gegenteil davon, was erwartet wird, raucht und/oder trinkt mehr oder weniger heimlich, lehnt sich gegen alle Autoritätspersonen auf, kommt entweder zu spät oder gar nicht nach Hause, hat ungeschützten Sex, verbraucht sehr viel Geld, macht keine Hausaufgaben, schwänzt die Schule usw.

Jetzt fragt man sich, ob man etwas gegen das unerwünschtes Verhalten eines Pubertierenden unternehmen kann oder ob man es als gottgegeben hinnehmen muss und abwarten soll bis der Spuk wieder vorbei ist. Von der Seite des Jugendlichen betrachtet sieht alles natürlich ganz anders aus:

Plötzlich betrachtet er (oder sie) die Eltern und das Umfeld aus einem veränderten Blickwinkel. Er sieht manche deren Schwächen wie durch ein Vergrößerungsglas und erträgt es kaum damit konfrontiert zu werden. Er muss es ihnen unbedingt ganz deutlich sagen oder sich total zurückziehen. Deren Versuche ihm nahe zu kommen findet er einfach nur peinlich und versteht rückwirkend nicht mehr, wie er sich von diesen für ihn unfähigen Menschen jemals etwas sagen lassen konnte. Er möchte nicht dazugehören. In kurzen Momenten dann aber doch wieder. Sein eigenes Hin- und Hergerissen-Sein hält er selbst oft nicht mehr aus. Genauso wie diese Trauer und den Schmerz, wenn Andere ihn nicht richtig behandeln. Er möchte schließlich ernst genommen, oder einfach nur in Ruhe gelassen werden. Der Heranwachsende hat den Eindruck ein anderes Leben führen zu müssen, weiß aber nicht so genau welches, oder wie er es anfangen könnte. Sein bisheriges Weltbild passt jedenfalls überhaupt nicht mehr.

Je mehr die Eltern ihn festhalten wollen, desto heftiger muss er sich befreien, am besten gelingt es ihm damit sie vor den Kopf zu stoßen. Er will auch kein Verständnis, oder wie ein Pflegefall behandelt werden, sondern klare Grenzen gesetzt bekommen, gegen die er sich dann zur Wehr setzen kann. Das Kämpfen und der zeitweilige Hass erleichtert ihm die Ablösung. Eltern, die ihm jetzt alles recht machen wollen, oder sich gar jugendlich präsentieren sind nicht ernst zu nehmen oder nur noch peinlich. Wie kann man sich denn auch von immer verständnisvollen Eltern abnabeln? Einer meiner Klienten brachte es auf den Punkt: „Ich musste etwas richtig Krasses tun, damit die mich endlich losließen.“